Statement: „Amazonisierung“ des Weihnachtsgeschäfts hat auch positive Aspekte

Claudia Staat Pressestelle, Frankfurt University of Applied Sciences

Das Weihnachtsgeschäft 2018 steht in seiner heißen Phase. Viele Deutsche kaufen ihre Geschenke längst nicht mehr in Geschäften vor Ort, sondern im Internet per Mausklick. Beispielsweise beherrscht das US-Handelsunternehmen Amazon laut einer Branchen-Studie inzwischen die Hälfte des deutschen Onlinehandels, gerät jedoch immer wieder in die Kritik vor allem von Gewerkschaftsseite und Politik. Prof. Dr. Lutz Anderie, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), kann der „Amazonisierung des Weihnachtsgeschäfts“ durchaus auch gute Seiten abgewinnen. „Der Onlinehandel hat sich seit der Jahrtausendwende signifikant entwickelt und kann in bedeutenden Warengruppen wie beispielsweise der Unterhaltungselektronik auf Wachstumsraten verweisen, die der stationäre Handel nur schwerlich realisieren kann“, so Anderie. „Durch die Einführung der Smartphones 2007 durch Steve Jobs konnte sich mittlerweile auch der Mobile Commerce etablieren.“ Gerade die positiven volkswirtschaftlichen Aspekte und Impulse für die Entwicklung des E-Commerce gerieten aus dem Blickfeld. „Die Art und Weise, wie der Onlinehandel heute betrieben wird, ist durch Amazon geprägt worden. Von der Gestaltung der Webpage über das Warenangebot, die Preisgestaltung, den Marketplace, die Logistik bis hin zum Amazon Web Services (AWS) – die Schlagzahl wird von diesem Unternehmen vorgegeben“, sagt Anderie. „Es beschäftigt weltweit über eine halbe Milliarde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sichert auf Lieferantenseite und der nachgelagerten Logistikkette Tausende von Jobs, die von hoher volkswirtschaftlicher Bedeutung sind.“

„Die Liste der Kritiker an verschiedenen Onlinehandelsunternehmen, insbesondere an Amazon, ist lang“, so Anderie, „und sicherlich sind einige Kritikpunkte berechtigt. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass erfolgreiche E-Commerce-Unternehmen die Wertschöpfung einschließlich der Schaffung von Arbeitsplätzen in strukturschwachen Regionen vorantreiben.“

E-Commerce sei ein „knallhartes Wettbewerbsumfeld“, bei dem laut Anderie jene Unternehmen Marktanteile gewinnen, die den besten Preis, den besten Service und die höchste Kredibilität bei den Käufern gewähren oder vermitteln können. „Das ist Marktwirtschaft pur.“ Anderie: „Viele Handelsunternehmen haben die Herausforderungen des Onlinehandels angenommen und sind gescheitert.“ Die marktbeherrschende Stellung des Online-Riesen aus Seattle habe auch viele deutsche Unternehmen getroffen: „Amazon hat seit dem Eintritt in den deutschen Markt durch Disruption tradierte Markteilnehmer wie Quelle, Neckermann und ProMarkt weggefegt“, so Anderie. „Es gibt jedoch auch positive Beispiele wie Otto in Hamburg, Zalando in Berlin und Rewe Online in Köln, die beachtliche Markterfolge – wenn auch mit überschaubaren Rentabilitätskennzahlen – erzielen konnten.“ Gerade das Beispiel Otto zeige, dass mit kluger Strategie der Wandel vom Versandhaus alter Prägung zum erfolgreichen Onlinehändler gelingen könne: „Hier wurde mit hanseatischer Kaufmannskunst und effizienten Management-Methoden eine Marktposition entwickelt, bei der durch Transformation das seit rund 70 Jahren bestehende Mailorder-Geschäft für den modernen Onlinehandel weiterentwickelt wurde“.

Bei Amazon könne die Kundin oder der Kunde alles retournieren und selbst entscheiden, welchen Kundenstatus er oder sie erhalten möchte. „Daran wurde in den letzten Jahrzehnten konsequent gearbeitet, die Innovationsquote im Kaufprozess ist extrem hoch“, so der E-Commerce-Experte. Deshalb habe es das Unternehmen geschafft, eine dominierende Rolle im Weihnachtsgeschäft einzunehmen. „Amazon weist mehrere Alleinstellungsmerkmale auf – von der Shopper Experience über Entwicklung und Einsatz Künstlicher Intelligenz bis hin zu einer kontinuierlich weiterentwickelten Logistikkette.“ Das Unternehmen setze alles daran, um die „Amazonisierung“, also die Wertschöpfungskette im E-Commerce zu perfektionieren. „Doch wo Licht ist, ist auch Schatten“, sagt Anderie.
„Zustellerinnen und Zusteller mit ‚Burnout-Syndrom‘, Klagen von Lieferanten über gesperrte Verkäuferkonten und Zahlungsdifferenzen sowie Kritik bezüglich der marktbeherrschenden Stellung begleiten die Geschäftspraktiken des Online-Riesen.“ Anderie als Branchenkenner der Games-, Medien- und Entertainmentindustrie sowie Digitalisierungs-Experte kennt das Unternehmen durch lange Zusammenarbeit auf Lieferantenseite als Vermarkter für Videospielekonsolen, Computerspiele, Filme und Serien. Seine Karriere begann er bei DHL, und er weiß deshalb auch, unter welchem Leistungsdruck die Zusteller/-innen stehen

 

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