Rudolf Passian: «Tod gibt es nicht…»

«… denn das Leben hört nie auf!» Die Seele des grossen Parapsychologen hat am 7. März 2018 weit ihre Flügel ausgespannt, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus (frei nach Joseph von Eichendorff).

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Rudolf Passian widmete sein Leben der Parapsychologie. Er wurde am 14. Februar 1924 als Sudetendeutscher in Liberec (deutsch: Reichenberg, im heutigen Tschechien) geboren. Seine Mutter starb bei der Geburt. Ein Jahr vor Kriegsausbruch wurde seine Geburtsstadt in das Deutsche Reich eingegliedert, und so musste Rudolf Passian 1941, im Alter von 17 Jahren, in den Krieg ziehen. 1941 wurde er schwer verletzt und verlor sein linkes Bein. Nach dem Krieg kamen er und seine Familie, die mittlerweile aus Böhmen vertrieben worden waren, in den russisch besetzten Teil Deutschlands. Dort wurde er unerwartet verhaftet; die Behörden beschuldigten ihn der Spionage, weil die Polizei einen Zettel fand, auf dem Rudolf Witze – u.a. auch politische – notiert hatte, die er bei Gelegenheit erzählen wollte; dafür stand nach dem sowjetischen Strafgesetzbuch 25 Jahre Straflager oder die Todesstrafe. Er entging dem Tod, wurde aber wegen antisowjetischer Propaganda zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt. Wegen seiner Beinamputation wurde er glücklicherweise nicht nach Sibirien deportiert sondern kam ins berüchtigte Straflager von Bautzen. Dort soll laut Recherchen des Bautzen-Komitees jeder dritte Gefangene aufgrund der Haftbedingungen an den Folgen von Hunger und Krankheiten verstorben sein.

Doch Rudolf Passians Peinigern gelang es nicht, ihn abzustumpfen oder zu verbittern, trotz vollkommen fehlender Verbindung mit der Aussenwelt. Im Gegenteil: während der langen Jahre als Gefangener kam er zum Nachdenken über den Sinn des Lebens, obwohl sein Alltag durch Sinnlosigkeit beherrscht wurde, und über die Frage nach einem Leben nach dem Tod. Doch in der Gefangenschaft wusste niemand eine Antwort, auch die mitgefangenen Geistlichen verschiedenster Richtungen.

Nach sieben Jahren Straflager wurde Rudolf am 5.5.55 überraschend freigelassen und er floh in den Westen, nach Bayern. Dort begegnete er seiner Jugendfreundin Christa, die wie er aus Böhmen stammte. Beide gründeten eine Familie und wurden Eltern von drei Kindern – Andreas, Ingelore und Michaela. Passian bezeichnete diese Zeit als sehr glücklich, trotz der harten Arbeit, die zur Ernährung der Familie nötig war. Doch die Vergangenheit liess ihn nie ganz los und Alpträume verfolgten ihn fast jede Nacht bis an sein Lebensende. Die Last der Vergangenheit belastete auch das Familienglück und es folgte die Trennung.

In Mannheim-Ludwigshafen, wo er damals wohnte, besuchte er verschiedene religiöse Versammlungen und kam auch in Kontakt mit der Parapsychologischen Forschung. Er stellte fest, dass es über diese Themen schon eine umfassende Literatur gab, vor allem auch über die Sterbeforschung. In diesen Schriften fand Rudolf Passian endlich die Antworten, nach denen er jahrelang gesucht hatte. Er kündigte seine Lebensversicherung, um sich eine Reise zu den philippinischen Heilern leisten zu können, und trotz seiner körperlichen Behinderung unternahm er danach weitere Studienreisen in Europa, nach Indien, auf die Philippinen und nach Südamerika, insbesondere nach Brasilien, wo er das Kinderhilfswerk Blumenau und eine Krankenstation gründete. Er versuchte, soviel wie möglich in die Geheimnisse des Lebens einzutauchen und er dokumentierte das Erlebte in Büchern, Seminaren und Vorträgen. In den 1970er und 80er Jahren war das Interesse an Parapsychologie und Esoterik so gross, dass Rudolf Passian bald von mehreren Volkshochschulen eingeladen wurde, Vorträge zu halten und die Filme zu zeigen, die er auf seinen Reisen gedreht hatte.

1973 erschien Rudolf Passians erstes Buch, «Abschied ohne Wiederkehr? Tod und Jenseits in parapsychologischer Sicht», 1978 «Abenteuer PSI». In seinen Büchern missionierte er nie, sondern brachte sowohl Pro- wie Kontra-Argumente, um es den Lesern zu ermöglichen, sich ein eigenes Bild zu machen. Für eines dieser Bücher, «Wiedergeburt – Ein Leben oder viele?», wurde ihm 1986 der Preis der Schweizer Stiftung für Parapsychologie verliehen. Während Jahrzehnten schrieb er für die Zeitschrift Wendezeit und erlaubte uns auch, unentgeltlich weite Teile seiner Bücher abzudrucken. Für ihn waren Treue und Freundschaft keine leeren Worte. Dafür werden wir ihm immer dankbar sein.

Witze hat Rudolf Passian nie mehr auf Zettel aufgeschrieben, dafür aber gerne an seinen Vorträgen erzählt. So pflegte er zu Beginn seiner Seminare zu sagen, dass man zwecks verbesserter Konzentration ruhig die Augen schliessen dürfe, denn dadurch würden diejenigen, die eingeschlafen seien, weniger auffallen. Auf einem dieser Seminare lernte er vor 32 Jahren Evelyne Mutti kennen; sie wurde sein «Engel», wie er sagte, und seine zweite Frau. Es folgten viele glückliche Jahre – der goldene Herbst seines Lebens. Er schrieb: «Noch wandern wir am Pilgerstab fast blind durch Raum und Zeit, doch tief im Herzen ahnen wir das Licht der Ewigkeit.» Am 7. März durfte er im Beisein seines Engels seine letzte Reise in die Ewigkeit antreten. Wir haben aber keinen Freund und Weggefährten verloren, denn aus dem Mitwanderer, wie Rudolf seine Freunde immer bezeichnet hat, ist ein Wegbereiter geworden, der uns auf der Regenbogenbrücke lediglich vorausgegangen ist.

Orith Tempelman, Chefredakteurin Wendezeit